| Agrarkolonisation im Amazonas |
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Universität Erlangen Geographisches Institut SS 1993
Regionale Agrargeographie Referat: Chancen und Probleme der Agrarkolonisation im Amazonas Dozent: Prof. H. Kopp Verfasser: Andreas Nagl
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Inhaltsverzeichnis I. Einleitung 3 Fällt das Wort Amazonas, so verbindet damit jeder unberührte Natur genauso wie die Zerstörung des Regenwaldes, Klimaveränderungen und viele andere negative Dinge. Jede Minute, Tag und Nacht, wird in Amazonien Regenwald in der Größe eines Fußballfeldes vernichtet. Experten wie Gerd Kohlhepp fürchten, daß bis Ende der neunziger Jahre in weiten Teilen Amazoniens mehr als die Hälfte des Regenwaldes zerstört sein wird.
Amazonas ist der größte Strom Südamerikas und der wasserreichste der Erde. Er entsteht durch die Vereinigung des Rio Maranon und des Rio Ucayali bei Nauta in NE-Peru, durchfließt das nach ihm benannte Tiefland und mündet schließlich in den Atlantik. Von der brasilianischen Grenze bis zur Einmündung des Rio Negro wird er Rio Solimoes genannt. Sein Einzugsgebiet umfaßt 7.18 Mill.km2 (entspricht 40% der Fläche Südamerikas), seine Länge beträgt 6400 km. Bis Obidos, 800 km oberhalb der Mündung, machen sich die Gezeiten bemerkbar. Die Breite (bei Iquitos 1800 m) erreicht in der Mündung 250 km. 15 der über 200 Nebenflüsse sind zwischen 2000 und 3000 km lang. Seeschiffe von 3000 t können bis Iquitos gelangen. An den Flußauen ist der Boden fruchtbar und wird teilweise landwirtschaftlich genutzt.
Es umfaßt eine Fläche von 3.6 Mill.km2 (entspricht 20% Südamerikas), an der Brasilien einen Anteil von zwei Dritteln hat. Die Oriente-Regionen der Andenländer Peru, Bolivien, Kolumbien und Ecuador teilen sich in dieser Reihenfolge das restliche Drittel. Als größtes tropisches Regenwaldgebiet der Erde bedeckt Amazonien mit mehr als 5 Mill.km2 eine weit größere Fläche als die des unter 200 m über NN. liegenden zentralen Beckens. Die Regenwaldregion erstreckt sich weit über die benachbarten Großlandschaften hinaus und bedeckt vor allem die nördliche Abdachung des zentralbrasilianischen Berg- und Tafellandes im Süden, sowie Teile des Guayana-Massivs, des guyanischen Küstenlandes und des Orinoco-Beckens im Norden. Der brasilianische Anteil am Regenwald beträgt 75%.
- Bundesstaat in Nordbrasilien mit Hauptstadt Manaus (1564445 km2; 1,08 Mill. Einwohner1975; etwa 98% der Fläche ist trop. Regenwald) Im weiteren soll unter dem Begriff Amazonas das Amazonastiefland verstanden werden, zusätzlich beschränkt sich die Agrarkolonisation meist auf den brasilianischen Teil davon. Projekte in Ländern wie Kolumbien und Ecuador laufen nach ähnlichem Schema ab. Einige grundlegende Merkmale dieses Gebietes möchte ich nun aufzeigen, da diese für den Erfolg oder Mißerfolg von Agrarkolonisationsprojekten eine entscheidende Rolle spielen.
Das Amazonasgebiet ist durch ein innertropisches Tieflandklima mit Jahresmitteltemperaturen von 25-27°C gekennzeichnet. (Maximaltemperaturen selten mehr als 35°C) Die Tagestemperaturschwankungen können mehr als 10°C betragen (Tageszeitenklima), die Jahrestemperaturschwankungen liegen bei etwa 2°C. Die Niederschläge dieser immerfeuchten Region haben Werte von über 3600 mm/a im Nordwesten, sinken nach Osten hin am Unterlauf bei Obidos auf unter 1800 mm/a ab und steigen im Mündungsgebiet wieder auf 2500 mm/a an. Die Niederschläge fallen meist als kurze Starkregen in Wärmegewittern von etwa einer Stunde am Nachmittag und als Zenitalregen mit enorm großen Wassermassen. Die Luftfeuchtigkeit ist ganzjährig sehr hoch.
Mit der Entdeckung und Inbesitznahme durch die Spanier und Portugiesen begann die Erschließung und damit verbunden die Besiedlung Amazoniens. Militärische Stützpunkte an Grenzlinien und zahlreiche katholische Missionen bildeten im 17.Jh die ersten Siedlungen. Als man den milchig-weißen Saft des Havea-Baumes zur Gummiherstellung entdeckte, erlebte diese Region den ersten bedeutenden Wirtschaftszyklus. Kautschukzapfer (serinueiros) drangen im Jahre 1870 bis Rio Purus und Rio Jurua vor. Die Einführung der Dampfschiffahrt lies Gesellschaften entstehen. Und schließlich kam es mit der Entwicklung des Gummireifens 1890 zum Kautschukboom. 1840 wurden 388 t, im Jahre 1900 bereits 27650 t Kautschuk produziert. Händler stritten sich um Land und Konzessionen. Bis 1910 kamen über eine halbe Millionen Arbeiter aus dem Nordosten (Nordestinos) ins Südwestliche Amazonasgebiet, wo sie in permanenter Abhängigkeit von den Händlern lebten und leben. Auch wenn 1915 die Kautschukwirtschaft in Amazonien zusammenbrach, entstanden in dieser Zeit viele Siedlungen vor allem an schiffbaren Wasserläufen. Manaus und Belem stiegen von Handelszentren zu Regionalzentren auf und wurden zum Anlaufpunkt außländischer Interessen. Bis auf wenige Gebiete war das Amazonastiefland jedoch so gut wie unerschlossen. Neue Siedlungen entstanden nur durch Gold- und Diamantsucher oder durch das von den Nordestinos getragene Vorrücken der "fronteira" nach Maranahao (Pionierfront). Erst im 20.Jh. sollte sich durch staatlich gelenkte Agrarkolonisation ein weiteres Netz von Siedlungen entwickeln.
Mit dem Vorrücken der "fronteira" nach dem Motto "Let's go west" erhoffte sich der Staat die Inwertsetzung von natürlichen Ressourcen und eine Entspannung des Bevölkerungsdrucks. Auch wegen des außenpolitischen Druck entschloß sich die Regierung zu Sofortmaßnahmen. Ost-West-Achsen: Süd-Nord-Achsen: Die Vorteile dieser Maßnahme sind, daß sie staatliche und private Projekte erst möglich machten. Doch bei den hohen Kosten muß man auch die Nachteile betrachten. Der Lebensraum der Indianer wurde stark eingeengt, dazu kommt das sich bei Kontakten mit Straßenbaukolonnen viele Krankheiten eingeschleppt haben. Auch drangen nun völlig unkontrolliert Landsuchende aus den verschiedensten Regionen in die Regenwälder ein. Vor allem aber behielt die Schiffahrt ihre große Bedeutung bei, da die meisten Straßen nicht asphaltiert sind und so für Lkw's (vor allem in der Regenzeit) unpassierbar sind. Hinzu kommt, daß der Flugverkehr in starken Maße zunimmt.
Mit dem "Programm der Nationalen Integration" versuchte die staatliche Behörde für Kolonisation und Agrarreform (INCRA ) Kleinbauern, Halbpächter und landlose Landarbeiter aus dem dürregeplagten Nordosten an den großen Fernstraßen anzusiedeln. Hauptregion war zunächst ein 64000 km2 großer Streifen an der Transamazonika. Dieser gliedert sich dann in einzelne Bereiche auf. Bei der Siedlungsform einigte man sich auf ein System von Mittelpunktssiedlungen, daß nach zentralen Funktionen abgestuft war. Man entwickelte ein Modell mit einer dreistufigen Hierarchie von zentralen Orten: Agrovila Agropolis Ruropolis Ursprünglich plante man 1 Millionen Familien anzusiedeln, doch bereits 1975 war es nur noch ein Bruchteil davon, die tatsächlich siedelten, und es wanderten weiterhin zahlreiche Siedler wieder ab. Seit den 70er Jahren verlagerte sich die staatliche kleinbäuerliche Kolonisation ganz auf Rondonia, da dort die Bodenverhältnisse günstiger sind. Aber auch hier erreicht man nicht die geplanten Ziele. Die Bevölkerung in Rondonia wächst mit einer Rate von 15,8% jährlich viel zu schnell, ohne daß die Infrastruktur dafür ausgelegt gewesen wäre.
Nachdem das PIN-Programm gescheitert war, versuchte man ab 1974 die Entwicklung Amazoniens mit Hilfe von steuerbegünstigten Großbetrieben. Industrie, Berbauunternehmen und das privatwirtschaftliche Agrobusiness hatten nun Vorrang. Trotz der Wirtschaftskrise Brasiliens entwickelten sich fast 300 Betriebe, die etwa 50000 Menschen Arbeit bieten. Manaus als Freihandelszone stand als Entwicklungspol an erster Stelle.
Zahlreiche Rinderfarmen, die oft von außländischen Kapitalanlegern wie Volkswagen gegründet werden, breiten sich aus. Außerdem entstehen große Bergbauunternehmen, die die Rohstoffe (nicht nur Erze, sondern auch Holz) Amazoniens systematisch abbauen. Diese beiden Aktivitäten muß man wohl zu denen rechnen, die Regenwälder am meisten zerstören. Bei der Agrarkolonisation dagegen, geht es um das Leben vieler Menschen, die sich ihre Existenz sichern wollen. Oft kommt es zu Landkonflikten zwischen neuen Großgrundbesitzern und alten Siedlern, wobei natürlich der Schwächere unterliegt. Die Städte platzen aus allen Nähten, so dringen in jüngster Zeit landsuchende Siedler in scheinbar ungenutzte Waldgebiete vor und beginnen dort mit der Anlage von Brandrodungen den Anbau von Grundnahrungsmittel, wobei natürlich auch Waldreserven nicht ungeschadet bleiben. Dort werden sie dann meist von Großgrundbesitzern, ob legale oder illegale Landeigentümer, mit Waffengewalt vertrieben. Auch staatliche Stellen sind mitschuldig an den Landkonflikten. So wurde im Staat Mato Grosso 40% mehr Land verkauft, als dieser Staat überhaupt Grundfläche besitzt. Neben diesen direkten Verdrängungen von kleinen Siedlern gibt es auch indirekte Verdrängungsprozesse. Erfolglosen Kolonisten mit Bargeldbedarf sehen sich oft gezwungen Teile oder das gesamte Land billig zu verkaufen, weil sie mit zu vielen Problemen zu kämpfen haben. Dies führt zur starken Mobilität und zu Landkonzentration.
Im Jahre 1981 wird mit dem "Programa Integrado de Desenvolvimento do Noroeste do Brasil" ein neues Entwicklungskonzept für ein Teilgebiet (410000 km2) der Planungsregion "Amazonia legal" verabschiedet. Es beinhaltet den jetzigen Bundesstaat Rondonia und einige Munizipien des nordwestlichen Mato Grosso. Man konzentriert sich wieder, wie im PIN-Programm, auf kleinbäuerliche Betriebe im ländlichen Bereich. Leitziel von Polonoroeste ist der Abbau von interregionalen Disparitäten, indem man Bevölkerungsgruppen aus einer wirtschaftlich schwachen Situation neu ansiedelt. Die immensen Kosten (ca. 1.55 Mrd. US-Dollar) werden zu einem Drittel von der Weltbank getragen. Die Koordination übernimmt die Behörde zur Entwicklung des Mittelwesten (SUDECO).
Will man die Agrarkolonisation insgesamt bewerten, muß man sagen, daß das Grundkonzept - die Förderung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft - ohne Zweifel richtig ist. Nur sind die Details der Planung fehlerlos umzusetzen und an den Bildungsstand der Betroffenen anzupassen. Wichtig ist auch, daß die Erfahrungen der vergangenen Jahre und die heutige Kenntnis über den Naturraum Amazonas in Zukunft mit einbezogen werden.
Doch selbst wenn diese Punkte einmal beachtet werden, so bleibt immer noch die riesige Flut von Zuwanderern in diese Region, die die Sicherung größerer Regenwaldgebiete wohl unmöglich machen.
In Zukunft muß das Hauptproblem, die längst überfällige Agrarreform, gelöst werden und zugleich muß sich die Agrarplanung im Amazonastiefland auf finanziell und räumlich begrenzte zielgruppenorientierte Kleinprojekte konzentrieren. Diese müssen durch angepaßte Technologien (geeignete landwirtschaftliche Betriessysteme) für das natürliche Potential geeignet sein. Dabei sollte die Agroforstwirtschaft und die Nutzung der Varzea-Flächen besonders gefördert werden. Amazonien kann weder die Funktion einer "Kornkammer", noch die eines "Ventils" für den ländlichen und städtischen Bevölkerungsdruck anderer Regionen übernehmen. nur in der Druckfassung
Informationen zur Politischen Bildung, 1.Quartal 1990, Nr.226: LATEINAMERIKA, Franzis Verlag, München Kohlhepp, Gerd: ERSCHLIEßUNG UND WIRTSCHAFTLICHE INWERTSETZUNG AMAZONIENS, in Geographische Rundschau, Jg 1978, Heft 1, Westermann Schulbuch Verlag Kohlhepp, Gerd: HERAUSFORDERUNG VON WISSENSCHAFT UND REGIONALER ENTWICKLUNGSPOLITIK. ÜBERLEGUNGEN ZUR ZUKÜNFTIGEN ENTWICKLUNG AMAZONIENS. In Tübinger Geographische Studien, Heft 93 (1987), Tübingen, Seite 303-318 Kohlhepp, Gerd: PLANUNG UND HEUTIGE SITUATION STAATLICHER KLEINBÄUERLICHER KOLONISATIONSPROJEKTE AN DER TRANSAMAZONIKA. In Geographische Zeitschrift, Jg. 64, Heft 3 (1976), Franz Steiner Verlag, Wiesbaden, Seite 171-209 Thome, Klaus: MEYERS GROSSES TASCHENBUCHLEXIKON in 24 Bänden. B.I.-Taschenbuchverlag. Mannheim / Wien / Zürich 19872
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